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Der Kampf um die „Pille“

Die Verhütungsmittel von BAYER & Co. in der Kritik

Der Mythos von Pille & Co. als Mittel zur sexuellen Befreiung bröckelt im Lichte massiver Nebenwirkungen und tödlicher Lungenembolien. Kritik wird lauter - vor allem von jungen Frauen, wie unter dem Schlagwort #Mypillstory geschehen. FrauenärztInnen wiegeln jedoch meist ab, und BAYER & Co. bringen weiter ungehindert gefährliche Produkte auf den Markt.

Von Christopher Stark

Knapp die Hälfte aller Frauen in Deutschland im gebärfähigen Alter nutzt hormonelle Verhütungsmittel. Einige Antibabypillen und die Hormonspirale stehen vor allem seit 2015 verstärkt in der Schusslinie öffentlicher Kritik – insbesondere diejenigen mit Hormonen der neueren Generationen. Befeuert wird die Kritik durch eine Reihe bekannt gewordener schwerer, teilweise tödlicher Fälle von Thrombosen und Lungenembolien infolge der Einnahme dieser Mittel. Aber auch eine Vielzahl von negativen Berichten von Frauen heizt die Diskussionen an. Von ihnen wird das Prinzip von Pille & Co. zunehmend infrage gestellt, da die Mittel stark in die natürliche Funktionsweise des weiblichen Körpers und Hormonhaushalts eingreifen. Das Thema hat neben scharfen KritikerInnen aber auf der anderen Seite auch überzeugte FürsprecherInnen auf den Plan gerufen, die die Vergabe hormoneller Medikamente an große Teile der Bevölkerung rechtfertigen und verteidigen.
Fragen der Verhütung sind für viele Menschen in unserer Gesellschaft und weltweit gesehen von großer Wichtigkeit – insbesondere für Frauen, die meist die Hauptlast dabei tragen. Auf der einen Seite gilt es, eine einfache und unkomplizierte Sexualität zu gewährleisten und auf der anderen Seite, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herzustellen sowie die körperliche wie psychische Unversehrtheit der verhütenden Menschen zu wahren.
Bei der Betrachtung dieses Themenkomplexes sollten aber auch tiefer gehende Fragen im Vordergrund stehen, etwa, wie der weibliche Körper in der neoliberal geprägten Leistungsgesellschaft gesehen wird und welche Auswirkungen das Denken in Kategorien von Effizienz in allen Lebensbereichen auf die Verhütungsgewohnheiten hat. Wichtig ist auch das Thema der Machtverhältnisse und Geschlechterrollen in Gesellschaft und Medizin. Weshalb gibt es etwa bisher keine Pille für den Mann? Und warum sieht es nicht so aus, als werde es in Zukunft eine solche geben?

Viele Kontroversen
Es besteht eine grundlegende Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel in großen Teilen der weiblichen Bevölkerung und der überaus positiven Risiko-Nutzen-Bewertung von Seiten fast aller GynäkologInnen, Kontrollbehörden und z. T. Krankenkassen. Die Kritik steht im Raum, dass Politik, ÄrztInnen und Institutionen primär die Interessen der Pharmaindustrie vertreten und in weiten Teilen die Interessen und die Gesundheit der Bevölkerung ignorieren – besonders von Frauen, wenn es um hormonell wirksame Medikamente und Verhütungsmittel geht.
In den vergangenen drei Jahren ist jedoch viel in Bewegung geraten. So gab es mehrere kritische Veröffentlichungen in Bezug auf die Verhütung mit Pille & Co., etwa den „Pillenreport“ der Techniker Krankenkasse (1), in dem Hormonpräparate der 3. und 4. Generation als gefährlich kritisiert wurden. Die SIEMENS-Krankenkasse zeigte sich 2017 zudem besorgt darüber, dass hormonelle Verhütungsmittel immer mehr auch minderjährigen Frauen verschrieben werden, was in den letzten Jahren ein stark steigender Trend sei. Sie spricht von „Immer mehr Pillen für immer jüngere Mädchen“ (2). Trotz der Kritik finanzieren die Krankenkassen aber weiter hormonelle Verhütungsmittel und sehen sie nicht grundsätzlich als gefährlich und vermeidbar an.
Die Vergabe von Hormonpräparaten an junge Mädchen erfolgt zum Teil mit der Argumentation, dass diese dann eine schönere Haut bekommen würden. Dies wird im Buch „Die Pille und ich“ von Katrin Wegner aus dem Jahr 2015 scharf kritisiert (3). Hier spielt insbesondere auch die Frage eine Rolle, ob es legitim ist, Minderjährigen starke Medikamente zur Empfängnisverhütung zu verschreiben. Denn schließlich ist das Urteilsvermögen bei Kindern und jungen Heranwachsenden weniger geschärft als bei Erwachsenen. Auch die Zuverlässigkeit bei der Verhütung mit der Pille, die viel Disziplin erfordert, ist bei Mädchen häufig nicht gegeben.
Auch aus feministischer Perspektive heraus wird Kritik geübt, denn viele Frauen haben wegen der hormonellen Verhütung das Gefühl, dass sie technokratisch gleichgeschaltet werden (was ja auch korrekt ist). Dies ist negativ zu bewerten, da das Wissen um – und die Bindung zum – eigenen Körper durch hormonelle Verhütung geschwächt wird oder vollkommen verwischt. Aus feministischer Sicht wird ebenfalls kritisiert, dass durch diese Art der Verhütung die Sexualität der Frau der zyklus-freien Sexualität des Mannes angeglichen und besser „handhabbar“ gemacht wird.
Hormonelle Verhütung birgt einige Implikationen, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind, oder im öffentlichen Bewusstsein keine Rolle spielen. Zu diesen Themen gehört der Einsatz von Verhütungspillen unter dem Deckmantel sogenannter Entwicklungshilfe; wenn etwa die bundesdeutsche Entwicklungshilfe oder die „Bill und Melinda Gates Stiftung“ in armen Ländern Afrikas und Asiens für die Verbreitung besonders unverträglicher Hormonverhütungsmittel sorgen (vor allem von Implantaten).
Auch Schäden am Ökosystem sind nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich. Obwohl Fische und Flusskrebse keine starke Lobby haben, sollte das Thema zumindest auf die Agenda kommen und diskutiert werden.

Frauen wehren sich
Es regt sich Widerstand gegen die standardmäßige Verordnung von Hormonpillen. Und zwar von unten aus der Bevölkerung – auch im Zuge der gesellschaftlichen Erosion der Macht von Autoritäten als Spätfolge der 68er-Bewegung. Die neuen Formen der niederschwelligen digitalen Vernetzung helfen dabei, dass Kritik Gehör findet. Mit den digitalen Mitteilungsmöglichkeiten werden die Karten der öffentlichen Meinungsbildung neu gemischt, denn Informationsflüsse verlaufen nicht mehr nur von oben nach unten, also von Leitmedien, LehrerInnen und ÄrztInnen hinunter zur Bevölkerung, sondern verstärkt auch horizontal zwischen einzelnen Menschen. Sei es in fachspezifischen Internetforen, Kurznachrichtendiensten, Kommentarfunktionen unter Nachrichtenseiten, in Chat-Gruppen, sozialen Netzwerken, der klassischen E-Mail-Kommunikation oder über eigene Blogs und Internetseiten: Mehr und mehr Frauen teilen heute öffentlich mit, dass Pille & Co. zur Empfängnisverhütung für sie unterm Strich mehr Nachteile als Vorteile haben. Eine nachvollziehbare Einschätzung, denn bei der Anwendung von Antibabypillen, Hormonspiralen, Hor-mon-spritzen, Hormon-Implantaten und Hormonpflastern gilt es, sich immer wieder klarzumachen: Es handelt sich um gesunde Menschen, die mit starken Medikamenten behandelt werden, die über einen langen Zeitraum hinweg eine fundamentale Funktionsänderung des Körpers bewirken.
Bei der Kritik aus der Zivilgesellschaft heraus sind einige Protagonistinnen zu nennen. Eine zentrale Person in der medialen Öffentlichkeit ist etwa Felicitas Rohrer. Sie verklagt den BAYER-Konzern auf 200.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz, weil Verhütungsmittel bei ihr eine Thrombose auslösten, die zu einer lebensbedrohlichen Lungenembolie führte (Nach einer Niederlage in der ersten Instanz vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen zieht Rohrer nun vor das Oberlandesgericht Karlsruhe, Anm. SWB)
In diesem Fall steht die Pille YASMINELLE mit dem Wirkstoff Drospirenon am Pranger – ein Präparat der sogenannten 4. Generation. Eine weitere Person ist die Pillen-Geschädigte Kathrin Weigele, die gemeinsam mit Rohrer die Internetseite Risiko-Pille betreibt. Die Seite ist zu einer Art inoffiziellen Meldestelle für Thrombose-Geschädigte geworden. Auf ihr sind über 200 Fälle von Frauen dargestellt, die alle zuvor kerngesund waren.
Parallel dazu wurde aufgrund der bei Hormonspiralen massiv auftretenden Nebenwirkungen auch die Initiative RISIKO-HORMONSPIRALE von Katharina Micada gegründet. Auf der Internetseite der Initiative finden sich umfangreiche Informationen und Links zu wissenschaftlichen Publikationen sowie Warnungen vor dem Einsatz dieser Verhütungsmethode.
Eine weitere Person in der politischen Auseinandersetzung um hormonelle Ver-hütung ist Sabine Kray, deren Buch „Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung“ Ende 2017 erschienen ist. Sie kritisiert nicht nur die medizinischen Risiken von Pille & Co., sondern beteiligt sich auch an gesellschaftlichen Kontroversen – etwa in Bezug auf die Persönlichkeitsveränderung, die mit dieser Form der Verhütung einhergehe.
Dass hormonelle Verhütungsmittel in vielen Fällen gar nicht so sicher sind wie allgemein angenommen, zeigen verschiedene Studien, gerade unter jungen Frauen. Viele Faktoren schränken die Zuverlässigkeit oral aufgenommener Hormonverhütungsmittel ein, etwa die gleichzeitige Einnahme von Antibiotika oder anderen Medikamenten sowie einigen natürlichen Substanzen wie Johanniskraut.
Eine groß angelegte Befragung der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, die unter solchen Jugendlichen durchgeführt wurde, die Probleme bei der Verhütung hatten, zeigte, dass 66 Prozent als Grund für das Versagen bei der Verhütung das Vergessen der regelmäßigen Einnahme von Antibabypillen angaben (4).
Leider haben junge Frauen häufig ein äußerst mangelhaftes Wissen über Fragen der Verhütung und ihren eigenen Körper. Das Unwissen wird durch Verhütungsmethoden wie die „Pille“ verstärkt, deren Anwendung keinerlei Kenntnisse des eigenen Körpers voraussetzt. Ganz zu schweigen von der nahezu vollständigen Ahnungslosigkeit, die diesbezüglich unter der Mehrheit der Männer herrscht. Dem Großteil von ihnen sind lediglich die Methoden Kondom und Pille oberflächlich bekannt, und von Alternativen haben sie entweder nie etwas gehört oder sie haben sich nie mit ihnen auseinandergesetzt. In einer kleinen Untersuchung zu Verhütungsmethoden in Österreich – unter Biologie- und MedizinstudentInnen (!) – wussten beispielsweise nur 62 Prozent der befragten Männer von der Existenz der Kupferspirale (5).

Die Nebenwirkungen
Die große Bandbreite der Wirkungen und Nebenwirkungen von Pille & Co. sorgen für Diskussionen. Dazu zählen unter anderem Libidoverlust, Störung des Zyklus, Depressionen, Migränen, Thrombosen, Schlaganfälle, Krebs, Wassereinlagerungen, Wesensveränderungen und die Störung des Partnerwahlverhaltens. Trotzdem halten viele FrauenärztInnen und das Gesundheitssystem insgesamt ideologisch starr an den Hormon-Präparaten fest und verwerfen andere Verhütungsmethoden.
Libidoverlust ist eine der prägnantesten möglichen Nebenwirkungen hormoneller Verhütung. Damit ist aber nicht nur der Libidoverlust durch den Wegfall des Eisprungs gemeint, sondern zum Teil auch ein genereller Wegfall von sexueller Lust bei nicht wenigen Frauen. Da hiervon jedoch „nur“ Frauen betroffen sind, gibt es keinen Aufschrei in unserer Gesellschaft. Nicht auszudenken, wie empört viele Männer über einen Libidoverlust auf ihrer Seite der Geschlechtergrenze durch die Wirkungen von Medikamenten reagieren würden, die für das Überleben nicht essentiell sind und für die es harmlosere Alternativen gibt.
Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass über 90 Prozent der derzeit auf dem Markt befindlichen Hormonpräparate zur Verhütung den Eisprung der Frau unterdrücken. Und dieser ist nachweislich ein wichtiger Bestandteil der weiblichen Sexualität – und damit auch der Sexualität von Paaren. Auch wird die Funktion der sexuellen Anziehung über die sogenannte HLA-Kodierung durch Hormonverhütung unterdrückt (HLA = Human Leukocyte Antigen: Eine Gruppe von Genen, die das Hormon-System reguliert und Einfluss auf den Körpergeruch hat, Anm. SWB). Das bedeutet, dass hormonell verhütende Frauen nicht mehr in der Lage sind, die genetische Passgenauigkeit von potenziellen Partnern auf einer unbewusst-biologischen Ebene zu erkennen (6).
Besonders viel diskutiert werden, wie erwähnt, die lebensgefährlichen Nebenwirkungen durch Thrombosen. Das Thrombose-Risiko bei neueren, gestagen-basierten Hormon-Pillen liegt in etwa bei 9 bis 12 Fällen pro 10.000 Frauen (oder z. T. höher) und bei den älteren Präparaten bei rund 5 bis 7 Fällen pro Jahr. Grundsätzlich verlaufen 1 bis 2 Prozent der Thrombosefälle tödlich. Das lässt sich umrechnen auf geschätzt 80 bis 120 Todesfälle pro Jahr in Deutschland aufgrund von „Pillen-Thrombosen“. Nur 80 bis 120 Todesfälle würden jetzt Pharmaindustrie und Kontrollbehörden sagen.
Ein weiterer wichtiger Nebenwirkungskomplex bei hormonellen Verhütungsmitteln sind Depressionen. Sie treten laut einer dänischen Studie mit über einer Million Teilnehmerinnen statistisch häufiger bei hormonell verhüteten Frauen auf als bei solchen, die das nicht tun (7).
Das Ausmaß tatsächlich auftretender Nebenwirkungen ist im Übrigen nachweislich höher, als dies in den Packungsbeilagen oder ärztlichen Beratungsgesprächen vermittelt wird (8). Daneben haben Pille & Co. eine Vielzahl weiterer Nebenwirkungen wie z. B. Vaginalinfektionen, unnatürlich starker Ausfluss, Scheidentrockenheit sowie Persönlichkeitsveränderungen.

Deutschland als Epizentrum
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Deutschland ein Epizentrum hormoneller Verhütungsmittel ist, haben mit dem BAYER-Konzern (der 2006 den Kontrazeptiva-Multi SCHERING schluckte), MSD, HEXAL, RATIOPHARM oder GRÜNENTHAL doch mehrere große Pharma-Unternehmen Haupt- oder Zweigniederlassungen in diesem Land – mit einer jeweils breiten Palette von hormonell wirksamen Medikamenten. Während die Pharma-Industrie fette Gewinne macht, müssen das öffentliche Gesundheitssystem und die Solidargemeinschaft Milliarden für die Nebenwirkungen und die Todesopfer durch Thrombosen zahlen.
Die Gründe dafür, dass in Deutschland und Europa generell hormonelle Verhütung aller Kritik zum Trotz nach wie vor so weit verbreitet ist, sind vielfältig. Zum Beispiel fällt das allgemeine Natur- und Technikverständnis doch recht stark zugunsten der Technik aus. Dies wurde bereits etwa von VertreterInnen der Frankfurter Schule wie Theodor W. Adorno in den 1950er- und 1960er-Jahren kritisiert; und es hat sich bis heute im Mainstream der Gesellschaft daran nicht viel geändert. Daneben wird unser Gesundheitssystem beherrscht von einer Schulmedizin, die mit scheinbar objektiver Präzision alles ausblendet, was sie nicht verstehen kann oder was „kompliziert“ wirkt. Die Haltung von ÄrztInnen, Krankenkassen und GesundheitspolitikerInnen spiegelt zugleich ein neoliberales Menschenbild wider, in dem es vornehmlich um Effizienz und Kosten geht.
Der Umstand, dass regelmäßig ein paar Frauen an den Folgen hormoneller Verhütung sterben oder schwer geschädigt werden, ändert nichts an der Proklamation eines angeblich „positiven Kosten-Nutzen-Verhältnisses“ (9). Und in dieser Kosten-Nutzen-Rechnung sind noch nicht einmal die unendlichen Nebenwirkungen eingepreist, unter denen ein großer Teil der Frauen allein hierzulande Tag für Tag leidet, ohne sich diese ärztlich attestieren zu lassen.
Ganz entscheidend für den Erfolg der Pharmakonzerne sind ihre z. T. perfiden Werbestrategien. Wie enorm die für Marketing investierten Mittel der pharmazeutischen Unternehmen sind, zeigen qualifizierte Schätzungen. Der von der Techniker Krankenkasse herausgegebene „Pillenreport 2015“ nennt einen Anteil von 14 bis 27 Prozent des Gesamtumsatzes der Konzerne, der für Marketing und Werbung ausgegeben wird (10). Eine Vielzahl von Pharma-PR-Werbeseiten sind zudem online und nehmen junge Frauen als Zielgruppe ins Visier. Immerhin müssen diese Seiten inzwischen das Logo des Herstellers tragen und kommen deshalb weniger getarnt daher als zuvor. Teilweise ist die Pharmawerbung im Internet legal, halblegal, illegal oder nur ethisch fragwürdig, wie einige Skandale über verdeckte Werbung unter anderem von BAYER gezeigt haben (11). Aber auch ÄrztInnen sind Ziele von Pharmawerbung. Hier kommen sogenannte PharmavertreterInnen zum Einsatz – professionelle PR- und Werbeleute, die MedizinerInnen von der vermeintlichen Sinnhaftigkeit teurer Medikamente überzeugen sollen. Einer Untersuchung an der Mainzer Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zufolge werden 77 Prozent der ÄrztInnen mindestens einmal wöchentlich von PharmavertreterInnen besucht und 19 Prozent von ihnen täglich (12).

Das Gesundheitssystem
Gestützt wird der gut geschmierte Vertrieb von Verhütungsmedikamenten durch die Ergebnisse von Pharmastudien und sogenannten Anwendungsbeobachtungen. Bei Letzteren handelt es sich um Pseudostudien, die von ÄrztInnen im Auftrag der Pharmaindustrie gegen Geld angefertigt werden und lediglich dem Zweck dienen, neue Medikamente in den Markt zu drücken. Dazu kommt, dass viele Studien zu den Nebenwirkungen hormoneller Verhütung von der Industrie selber durchgeführt werden und zusätzlich fast immer von SchulmedizinerInnen, die ideologisch und / oder wirtschaftlich mit der Pharmaindustrie verflochten sind.
Diese und andere Methoden sind auch im Lichte von umfassender Korruption und Vetternwirtschaft zu bewerten (13). Die jährlichen Schäden durch Korruption im Gesundheitssystem in Deutschland wurden von der „Zentralstelle zur Bekämpfung von Vermögensstraftaten und Korruption im Gesundheitswesen“ konservativ auf jährlich eine Milliarde Euro geschätzt. Andere Untersuchungen gehen sogar von 10 bis 18 Milliarden Euro Schaden pro Jahr aus (14). Kein Wunder, denn bis 2015 war es in der Bundesrepublik nicht einmal strafbar, wenn ÄrztInnen aufgrund von Gefälligkeiten von Seiten der Pharmaindustrie ein bestimmtes Verhütungsmittel oder anderes Medikament verordneten, das sie ansonsten nicht verschrieben hätten.
Verschiedene investigative JournalistIn-nen, z. B. von Frontal21, haben zu den Beratungsgesprächen von FrauenärztInnen 2015 und 2016 Stichproben durchgeführt und sind überwiegend zu negativen Urteilen über die Beratungsqualität gekommen. Dies deckt sich mit einer Vielzahl von Negativberichten von Frauen im Internet. Einer der Gründe für die pharma-nahe Beratung der FrauenärztInnen und die Verharmlosung von Nebenwirkungen wird in der Nähe der ÄrztInnen zur Pharmaindustrie zu finden sein. Nicht nur ideologisch, auch wirtschaftlich sind sie oft eng verbunden mit der Industrie (15).
Besonders verstörend ist in diesem Zusammenhang der Fall einer Frau Graf, die mit Depressionen, Schwindelanfällen, Müdigkeit und Migräne vergeblich Rat bei MedizinerInnen unterschiedlicher Fachrichtungen suchte. Nach sage und schreibe 40 ÄrztInnen-Besuchen war ihr ein psychosomatisches Leiden attestiert worden. Sie machte also eine umfangreiche Psychotherapie, um die vermeintliche Ursache zu beheben; aber auch das brachte keine Besserung. Erst nach dem vierzigsten ÄrztInnen-Besuch kam ein Schulmediziner auf die Idee, nach der Art der Verhütung zu fragen. Es handelte sich bei Frau Graf zu dem Zeitpunkt um eine Hormonspirale. Nach dem Herausnehmen der Hormonspirale waren alle Beschwerden rasch verschwunden (16).

Verhüten ohne Hormone
Heute gibt es viele Alternativen zur hormonellen Verhütung, die ebenso sicher sind. Auch Methoden wie die Kupferspirale, die natürliche Empfängnisverhütung, das recht sichere Kondom oder die Sterilisation stehen zur Verfügung, sind erprobt und können ohne Weiteres angewendet werden.
Hervorzuheben sind bei den Methoden, die ohne Homone auskommen, erstens die Natürliche Familienplanung (NFP), zweitens die Kupferspirale, drittens die Sterilisation und viertens das Kondom.
Das Kondom bietet sich auch als Ergänzung zu anderen, weniger sicheren Methoden an, ist aber vor allem von besonderer Wichtigkeit, um vor übertragbaren Krankheiten geschützt zu sein.
Die Natürliche Familienplanung NFP bietet sich an für Frauen, die ihren Körper gut kennen, ein geregeltes Leben führen und diszipliniert sind. Dabei helfen auch Verhütungscomputer oder Smartphone-Apps, welche die Methode praktikabler machen. NFP steht für verschiedene Verhütungsmethoden, die ohne Eingriff in den Organismus oder spezielle Barrieren am Körper auskommen. Im Prinzip geht es darum, mit einer Kombination von Methoden der Körperbeobachtung die individuell wenigen fruchtbaren Tage des Zyklus dingfest zu machen und nur an diesen Tagen durch Zuhilfenahme eines mechanischen Verhütungsmittels wie des Kondoms zu verhüten.
Alternativen, wie die natürliche Empfängnisverhütung scheinen Oberflächlich betrachtet mit unserer vermeintlich hocheffizienten Industriegesellschaft inkom-patibel, wirken sperrig und kompliziert. Das höchste Ziel sollte aber nicht Effizienz sein, sondern dass es den Menschen gesundheitlich gut geht, dass sie im Einklang mit sich selbst leben, ein tiefes Verständnis von Zusammenhängen erlangen – vor allem auch in Bezug auf ihren eigenen Körper.
Die Sterilisation ist weltweit recht stark verbreitet, in Deutschland hingegen kaum. Und das, obwohl sie eine der nebenwirkungsärmsten und sichersten Verhütungsmethoden ist. Beide genannten Methoden haben keine oder so gut wie keine Nebenwirkungen.
Einen guten Kompromiss zwischen Natürlichkeit und Technik stellt die Kupferspirale dar, die in die Gebärmutter eingesetzt wird. Dort gibt sie Kupfer-Ionen ab, welche die Beweglichkeit der Spermien einschränken und sie daran hindern, in den Eileiter zu gelangen. So kann keine Befruchtung stattfinden. Außerdem verändert sich die Gebärmutterschleimhaut durch die Kupferionen etwas (ohne aber ins Hormonsystem einzugreifen!), sodass die Einnistung einer befruchteten Eizelle nicht stattfinden kann.
Dass die genaue Wirkungsweise von Kupferspiralen bisher wissenschaftlich nicht geklärt werden konnte, scheint für einige Fortschrittsgläubige aber ein unerträglicher Zustand zu sein und ist sicherlich einer der Gründe dafür, dass diese Methode in Deutschland nur so zögerlich eingesetzt wird. Kupferspiralen werden damit insbesondere im Gesundheitssystem häufig zu Unrecht nicht als ernst zu nehmende Verhütungsalternative zur Gabe von Hormonen angesehen. Sie haben nämlich viel geringere Nebenwirkungen als die künstlichen Hormone, sind langfristig einsetzbar und bieten eine hohe Verhütungssicherheit, vergleichbar mit derjenigen von Hormonpillen. Die Kupferspirale kann, je nach Modell, bis zu 10 Jahren im Körper verbleiben, und es entstehen damit nur einmalige Kosten.
In Bezug auf die Kosten sind alternative Verhütungsmittel gegenüber hormonellen Mitteln meist im Vorteil. Kondome etwa müssen nur verwendet werden, wenn überhaupt sexueller Kontakt stattfindet. Eine Frau, die hormonell verhütet, verhütet hingegen auch dann, wenn sie zeitweilig überhaupt keinen Sex hat. Die NFP-Methoden verursachen höchstens geringe Kosten für Computer, die einem beim Überblick über den Zyklus helfen. Sehr preisgünstig ist langfristig betrachtet natürlich auch die Sterilisation.
Es erscheint banal, auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, zum Ziel höherer Sicherheit zwei verschiedene Verhütungsmethoden miteinander zu kombinieren, aber obwohl es so naheliegend ist, wird kaum darauf hingewiesen. So bietet etwa die Kombination von NFP und Kondomen an den kritischen Tagen für viele Frauen eine ebenso hohe Verhütungssicherheit wie ein Hormon-Präparat.
Grundsätzlich bleibt der Ratschlag, sich sehr genau zu überlegen, ob hormonelle Verhütungsmittel gewählt und damit dauerhafte Schäden am eigenen Körper, der Psyche oder der Libido riskiert werden. Außerdem ist wegen der Nähe zur Pharmaindustrie eine große Portion Skepsis bei ÄrztInnen-Besuchen anzuraten, insbesondere, wenn es um eine Beratung zu Fragen der Empfängnisverhütung oder der Wechseljahres-Beschwerden geht.
Es ist unverständlich und medizinisch nicht nachvollziehbar, warum ein großer Teil der Frauen im gebärfähigen Alter und fast alle FrauenärztInnen in Deutschland bisher unbelehrbar an hormonellen Verhütungsmethoden als Standard festhalten. Schließlich gibt es Alternativen, die für alle Frauen geeignet sind und die mit erheblich weniger oder überhaupt keinen Nebenwirkungen einhergehen. ⎜
(1) Boeschen, D. / Glaeske, G. et al. / Universität Bremen; Techniker Krankenkasse (Hrsg.): „Pillenreport - Ein Statusbericht zu oralen Kontrazeptiva“, Oktober 2015
(2) Siemens-Betriebskrankenkasse: „Hormonelle Verhütung: Jede 10. Frau mit Depressionen“. Nach einer Umfrage der YOUGOV DEUTSCHLAND GmbH. Online erschienen, Zugriff: 23.12.2017
(3) Wegner, K.: „Die Pille und ich - vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge“. München 2015
(4) Anthuber, S.: „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“. Georg Thieme Verlag, 15.12.03. Nach: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Jugendsexualität 2001, Köln 2002
(5) Vorderwinkler, S.: „Sexualerziehung und Kontrazeption – eine empirische Studie über das Verhütungsbewusstsein von StudentInnen“. Diplomarbeit, Universität Wien, Juni 2014
(6) Pille beeinflusst die Partnerwahl und Feige, A. et al: „Frauenheilkunde - Fortpflanzungsmedizin - Geburtsmedizin - Onkologie - Psychosomatik“. München/Jena 2006 S. 43 ff.
(7) Ärzte-Zeitung: „Hormonelle Kontrazeption: Depression als Nebenwirkung? “, 17.10.16
(8) Westerhaus, C.: „Die Hälfte der Nebenwirkungen wird verschwiegen“. Nach Loke, Y. et al. Deutschlandfunk, 03.11.16
(9) Radio-Sendung: Schindele, E.: „Wie weibliche Unlust zur Krankheit wurde“. Deutschlandfunk, 17.01.16
(10) Boeschen, D. / Glaeske, G. et al. / Universität Bremen; Techniker Krankenkasse (Hrsg.): „Pillenreport - Ein Statusbericht zu oralen Kontrazeptiva“, Oktober 2015. S. 32 nach „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen – Koordination und Qualität im Gesundheitswesen. Ziffer 837 ff.“
(11) „Arzneimittelwerbung: Pillen-Postings auf Facebook“. Aus: DocCheck Online (Online-Publikation), 07.12.15
(12) Kochen, M.M.: „Die Bündnisfrage“. Aus: ZFA / Z Allg Med (Nr. 90 (12)), Dezember 2014
(13) Siehe auch: Kochen, M.M.: „Die Bündnisfrage“. Aus: ZFA / Z Allg Med (Nr. 90 (12)), Dezember 2014)
(14) Bohsem, G.: „Korrupten Ärzten droht Gefängnis“. Aus: Süddeutsche Zeitung, 15.04.16
(15) TV-Sendung: „Pharma-Geld für Ärzte“ (Service täglich). ZDF, 29.07.16
(16) Radio-Sendung: Smiljanic, M.: „Verhütung mit Nebenwirkung“. Deutschlandfunk, 07.06.16

Dieser Artikel erschien zuerst in dem Online-Magazin Telepolis, Stichwort BAYER übernahm den Text mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages geringfügigen Änderungen. Er basiert auf Auszügen aus dem 2018 im Berliner Orlanda-Verlag erschienenen Buch von Christopher Stark. Es fasst die Diskussionen um die „Pille“. Von Fragen der Gesundheit, Nebenwirkungen und Korruption im Gesundheitssystem über Vetternwirtschaft zwischen FrauenärztInnen und Pharmaindustrie bis hin zur Darstellung der Alternativen zur hormonellen Verhütung und Fragen der Emanzipation reicht das Themen-Spektrum. Nicht zuletzt kommen auch betroffene Frauen ausführlich zu Wort, die sich von Pille & Co. abgewendet haben und das Prinzip grundsätzlich infrage stellen.